Historie
Der Beginn
Die Geschichte der Weberei Stoeckel & Grimmler reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück: Damals war es Johann Georg Stoeckel, der sich als „Verleger“ einen Namen machte und durch sein kaufmännisches Geschick schon bald zu einem der reichsten Männer Münchbergs wurde. An der Kulmbacher Straße ließ er sich schließlich ein prachtvolles Gebäude errichten, in dem sich neben den Verlagsbüros auch Lagerräume und seine Privatwohnung befanden.
Baumwolle
Seine Aufgabe als Verleger war es, Baumwolle beispielsweise aus Nürnberg in die Region zu holen, die er anschließend an die in der Umgebung ansässigen Handweber weitergab. Im Anschluss übernahm er deren Produkte und verkaufte sie auf den großen Messen in Nürnberg, Bamberg und Würzburg. Die Handweber, einst eigenständige Handwerker, wandelten sich zu Lohnarbeitern, denen der Verleger Aufträge vermittelte. So war ein aufeinander aufbauendes System entstanden.
Kaffee
Durch die guten Kontakte zum Markt konnte sich Stoeckel schnell ein weiteres Standbein aufbauen, den Handel mit ausländischen Waren wie teuren Farbstoffen oder auch Kaffee. Seine Familie besaß eines der wenigen Kaffee Service aus Porzellan, was den Lebensstandart deutlich macht.
Wichtiger als Johann Georg Stoeckel sollten seine beiden Enkel sein: Carl und August Stoeckel hatten an der bedeutenden Wirtschafts- und Weberschule in Wattwil, Schweiz gelernt und einige bahnbrechenden Ideen nach Münchberg mitgebracht. So stellten sie als erste Verleger der Stadt den Besuch der Messen ein und konzentrierten sich stattdessen auf den Vertrieb durch „Vertreter“, die sie direkt zu den Abnehmern und Kunden schickten. Darüberhinaus führten sie erstmals moderne „Jacquard-Maschinen“ ein, die sehr viel feinere und aufwendigere Muster herstellen konnten als die traditionellen Schaft-Webstühle. Die dafür notwendigen Aufsätze kauften sie selbst und gaben sie anschließend an die Hausweber weiter, damit sie ihre Stühle damit aufrüsten konnten.
Zusammenschluss Gebrüder Stoeckel mit Karl Grimmler
August Stoeckel
Carl Stoeckel
Karl Grimmler
Die Münchberger Unternehmer waren Personen des Mittelstands, die sich emporgearbeitet hatten. Das zeigt sich auch am Umgang mit ihren Mitmenschen. Schon in den 1870er Jahren gab es erste Krankenunter-stützungsvereine für die Mitarbeiter und andere Projekte zur Erleichterung des Alltags wie Konsum- und Baugenossenschaften. Auch für den Bau von Lokalbahnen setzten sie sich ein, um das Pendeln vom (günstigen) Land in die Stadt zu ermöglichen.
Die Gebr. Stoeckel & Grimmler stifteten 1883 schließlich sagenhafte 10.000 Mark zu Errichtung des „Lutherstifts“, des ersten Kinderheims der Stadt, und gründeten einen gleichnamigen Trägerverein. Diese Institution existiert tatsächlich bis heute!
Auch bei der Einrichtung eines „Arbeitervereins“ setzten sie sich ein und ermöglichten durch eine großzügige Spende den Bau eines ersten Gemeindehauses.
Der Siegeszug
des Dampfes
Ihr Bild veränderte sich dadurch nachdrücklich: Ab den 1880er Jahren verschwanden die alten Ziehbrunnen aus den Straßen, nachdem moderne Hochdruckwasserleitungen gebaut worden waren, seit 1901 erstrahlten in den Straßen elektrische Lampen und ein neues Gefühl der „Urbanität“, des großstädtischen Flairs, breitete sich aus, während über allem die rauchenden Schlote als Symbol der Wirtschaftsmacht thronten.
Die Gebr. Stoeckel & Grimmler warteten unterdessen ab. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieben sie bei der Handweberei und konzentrierten sich auf hochwertig hergestellte Jacquard-Kleinserien, die die Maschinen nicht effizient herstellen konnten. Erst 1910 kam es zum Wandel!
Die modernste Webfabrik
Stoeckel & Grimmler planten anders als alle anderen Unternehmer in Münchberg: Ihre Fabrik sollte schnell und kostengünstig gebaut werden und zugleich rein auf die Arbeitsabläufe ausgerichtet sein. In Philipp Jakob Manz, dem bedeutendsten Industriearchitekten seiner Zeit, fanden sie jemanden, der ihnen diese Pläne in die Tat umsetzen konnte. Manz hatte eine wahre „Architektur-fabrik“ aufgebaut, die mittels ausgeklügelter Baukasten-prinzipen Hallen am Fließband konstruierte.
Seine Überlegungen für die Münchberger Fabrik waren entsprechend genial: Er schlug eine ebenerdige Halle mit externem Maschinenhaus vor, in der alle Produktions-prozesse auf einer Ebene und nacheinander ablaufen konnten. Das sparte Zeit und Geld, da man nicht, wie bei älteren Bauwerken, mehrere Stockwerke und lange Strecken überwinden musste. Zudem erlaubte es einen denkbar einfachen Antrieb der Maschinen.
Denn während die Aktienfärberei und die Weberei Schoedel bereits auf Strom setzten, den sie mit Dampfkraft erzeugten und anschließend in alle Ecken der verwinkelten Fabriken sandten, baute Manz bei Stoeckel & Grimmler eine zentrale Transmissionsanlage, die von einem kosten-günstigen Lokomobil angetrieben wurde.
Dieser aus der Landwirtschaft stammende Dampftraktor trieb demnach die gesamte Fabrik auf einmal an, was aus ihr ein in sich geschlossenes System, eine perfekt ineinandergreifende Maschinerie machte. Innerhalb von nur sechs Monaten wurde die Halle vom Baugeschäft Carl Hegner aus Münchberg für knapp 90.000 Mark realisiert und konnte noch 1910 in Betrieb gehen. Anfangs standen 60 Webmaschinen darin, hinzu kamen eine eigene Schlichterei, eine Spulerei, eine Weberei, eine Appretur und ein Versandraum. Überall in der Halle sind bis heute die von Manz erdachten „Manz-Träger“ vorhanden, die um 1900 den Höhepunkt der Baustatik darstellten.
Wie genial Manz‘ Planungen waren, zeigt sich auch daran, dass die Firma erst in den 1950er Jahren um- und ausgebaut werden musste. 1957 wurde für die ausladenden neuen Hallen ein modernes Maschinenhaus errichtet, das bis heute erhalten geblieben ist - und in dessen Bunkern sich sogar noch die böhmische Braunkohle befindet, die es einst befeuerte. Anstelle des Lokomobils werkelte hier eine moderne „Kapseldampfmaschine“, die mittels eines Siemens-Generators Strom erzeugte.
Die Mechanisierung der Feuerung war nach dem Zweiten Weltkrieg der nächste wichtige Schritt hin zur modernen Produktion: Über Becherwerke wurde die Kohle in die Bunker transportiert, nachdem man die Waggons mittels „Straßenrollern“ vom Bahnhof abgeholt hatte. Von den Bunkern aus wurde sie über Förderbänder zu den Feuer-büchsen gebracht, in die sie von „Planstokern“ mechanisch eingeworfen wurde.
Das Ensemble
Nachdem sich die Weberei derart gut entwickelt hatte, plante Philipp Jakob Manz im Jahr 1923 auch eine Villa für die geschäftsführende Familie, die von einem Garten ab-geschlossen wurde, für den der bekannte Achitekt Albert Lilienfein verantwortlich zeichnete. Fabrik, Villa und Garten sind damit ein in dieser Form einmaliges Ensemble der Industriekultur.
Nachdem die historische Manz-Halle durch die Wirren der Zeit recht unansehnlich und grau geworden war, entschloss sich die Geschäftsführung 1973 dazu, sie mittels Stahl-platten zu verkleiden. Eigentlich aus Kostengründen als einfachste Möglichkeit wahrgenommen, wurde so unbe-wusst eine Zeitkapsel geschlossen, die Familie Bergmann 2021 wieder öffnen konnte. Die von Manz geplante Fabrik erlebte damit ihre faktische Wiedergeburt. Sich der Bedeu-tung der Hallen bewusst, plante das Traditionsunter-nehmen ihre Sanierung, die bereits im Herbst 2022 abgeschlossen werden konnte.
Dabei ist wichtig, dass man sich dem industriellen Erbe
mit höchster Vorsicht näherte: Die alten Fenster wurden originalgetreu von örtlichen Schreinern nachgebaut, während man die Originale in die neu-eingezogenen Innenwände versetzte. Der Putz wurde behutsam
erneuert und das Innere der Konstruktion nur soweit instand gesetzt, wie nötig, um den einmaligen Charme
zu erhalten.
Im Inneren ziehen der Nachbau eines originalen Jacquard-
Gestells und die beiden prachtvoll in Szene gesetzten Manz-Träger die Blicke auf sich, während zwei zu Bartresen umgebaute Spulmaschinen zum Verweilen einladen.
Heute kann die ehemalige Weberei Stoeckel & Grimmler mit der historischen Manz-Halle und dem originalgetreu erhaltenen Kesselhaus samt Feuerungstechnik aus den 1950er Jahren getrost als Herzstück der Industriekultur des Hofer Landes gelten, das zeigt, welche Möglichkeiten der zielgerichtete Umgang mit historischer Bausubstanz bietet: Das Entdecken spannender Geschichten, das Erkunden einmaliger Lokalitäten und - elementar - den Erhalt der ganz eigenen, regionalen Identität.
Stoeckel & Grimmler
Adresse
Stoeckel & Grimmler GmbH & Co.KG
Gartenstraße 25
95213 Münchberg
Germany
Kontakt
Mail: [email protected]
Tel.: 09251 890
Werksverkauf
Unser Werksverkauf hat immer am ersten Wochenende im Monat für Sie in der Gartenstraße geöffnet:
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